Kleine Philosophen – Nachdenken mit Kindern



· Warum kann ich nicht ewig leben?
· Warum dürfen immer die Großen bestimmen?
· Muss ich immer die Wahrheit sagen?
· Könnten wir auch ohne Geld leben?
· Muss ich Gummibärchen immer mit meinen Geschwistern teilen?

Kinder zwischen 4 und 10 Jahren sind Weltmeister im Fragenstellen. Sie hinterfragen und bestaunen vieles, was uns selbstverständlich erscheint.

Gerade die ungelösten, die unklaren Fragen aus ihrer alltäglichen Erfahrenswelt, deren Antwort weder die Eltern, noch das Lexikon beantworten kann, wecken häufig ihr Interesse.
Wenn wir diese Kinderfragen weder abtun, noch vorschnell beantworten, sondern die Kinder zurückfragen, was sie sich selbst für Gedanken dazu machen, begeben wir uns in einen echten philosophischen Dialog auf Augenhöhe. Und wir lernen unsere Kinder viel intensiver kennen.

Gerade schüchterne Kinder mit einem reichen Innenleben blühen in der Kinderphilosophie regelrecht auf, werden aber auch von anderen Kindern plötzlich mehr beachtet.

Welche Fähigkeiten erwerben die kleinen Philosophen?

Selbstbewusstsein

- sie entwickeln Mut, die eigene Meinung zu vertreten

- und lernen, ihre Meinung zu begründen

Soziale Kompetenz und Empathie

- sie hören sich gegenseitig besser zu und akzeptieren andere Meinungen

- werden offener und toleranter gegenüber ungewöhnlichen Ideen

- werden konfliktfähiger und damit weniger anfällig für Gewalt

Selbstständigkeit und Widerstandsfähigkeit (Resilienz)

- sie können Fanatismus und enges Denken durchschauen

- sie können sich gegenüber (Gruppen)zwängen besser abgrenzen

Sprachliche Gewandtheit

- sie können sich zunehmend besser ausdrücken

Identitätsbewusstsein  

- sie orientieren sich an Sinn und Werten, die sie überzeugen

So bildet sich nach und nach eine eigene Identität und starke Persönlichkeit. Die Kinder finden heraus, wer sie sind und sein möchten und was ihnen im Leben wirklich wichtig ist.



Aufbau einer philosophischen Einheit

Philosophische Fragen entstehen nicht auf Zuruf. Die Kinder müssen in ihrer Erlebniswelt abgeholt werden. Eine besonders gute Methode ist darum der Einstieg mit einem Kinderbuch. Es enthält versteckt oder offen eine oder mehrere philosophische Fragen.

Die Gesprächsleitung gibt solche Fragen in die Runde. Die Kinder sitzen im Kreis und dürfen sich dazu melden. Wer das Kuscheltier erhält, hat Redezeit.
Die Rolle der Gesprächsleitung ist die eher zurückhaltende Moderation: Sie achtet darauf, dass sich die Kinder zuhören, organisiert die Reihenfolge der Beiträge, bündelt, fasst zusammen, fragt nach, verfolgt den "roten Faden" (z.B. Ist das immer so? Gibt es Ausnahmen? Habe ich dich richtig verstanden? Meinst du? Könnte es nicht auch sein, dass?). Darüber hinaus sorgt sie dafür, dass die Kinder ihre Meinungen begründen und die Meinungen anderer achten.

Beim Philosophieren mit Vor- und Grundschulkindern bietet sich im Anschluss eine kreative Vertiefung an: ein Theaterstück, eine Pantomime, ein Bild malen, etwas basteln, kreatives Schreiben. Oft sind die kleinen Philosophen glücklich, noch eine bleibende Erinnerung  mit nach Hause zu nehmen.




Häufige Fragen

Überfordert das Philosophieren die Kinder denn nicht?

Eine Überforderung wäre es, wenn die Kinder die klassische Philosophiegeschichte oder Erwachsenenfragen behandeln. Märchen und Kindergeschichten dagegen setzen an der Neugier und natürlichen Entdeckerfreude der Kinder an.

Die Erlebnisse der Märchenhelden fordern die Kindern heraus und regen sie spielerisch zum Nachdenken und Hinterfragen an. Kinder sind dankbar, wenn ihre Ideen angehört und sie trotz ihres jungen Alters ernst genommen werden. Da das Philosophieren in der Regel nur 30-40 Minuten in Anspruch nimmt und noch ein spielerischer, kreativer Teil folgt, ist eine Überforderung unwahrscheinlich.

Werden Kinder nicht verunsichert, wenn sie vieles hinterfragen?

Die Kinder fragen von selbst. Sie werden verunsichert, wenn ihre Fragen weggedrückt oder zu schnell aus Erwachsenenperspektive – womöglich noch belehrend – beantwortet werden. Kinder erlangen viel mehr Sicherheit, wenn sie erfahren dürfen, dass ihre Meinung etwas gilt, dass Erwachsene auch nicht alles wissen, dass man zu manchen Fragen eben mehrere Antworten finden kann. Indem Kinder ihre Meinungen begründen, entwickeln sie zunehmend mehr Sicherheit für das, was sie wirklich überzeugt.

Muss ich befürchten, dass mein Kind meine Erziehung in Frage stellt?

Kinder, die philosophieren, möchten Erklärungen, die sie überzeugen. Insofern kann es durchaus sein, dass ihre Kinder sie herausfordern. Auf der anderen Seite wird ihr Leben wesentlich bunter und reicher. Angeregt durch ihr Kind könnte es sein, dass Sie selber wieder mehr staunen. Und in ihrem Denken und Erleben flexibler und offener werden.

Woher weiß ich denn, ob mir mein Kind eine Wissensfrage oder eine echte philosophische Frage stellt?

Das ist tatsächlich nicht immer leicht zu unterscheiden. Kinderfragen können auf Wissen abzielen, ein Kuschelbedürnis/Wunsch nach Zuwendung enthalten oder eine echte philosophische Frage sein. Am besten Sie fragen nach: „Warum willst du das wissen?“ Oder: „Was meinst du denn, warum das so ist?“ Warten Sie ab, was vom Kind kommt. Und seien sie offen für eine völlig neuartige Idee. Typisch für philosophische Fragen ist das Wörtchen „eigentlich“, was häufig auf das Staunen eines Kindes hinweist.


Literatur zur Einführung

Eva Zoller Morf, "Die kleinen Philosophen"

Eva Zoller Morf, "Selber denken macht schlau"

Barbara Gleitz, "Erde, Himmel, Gott und ich" - Philosophieren mit Kindern 

Antje Bostelmann, Thomas Metze (Hrsg.) "Zwischen Himmel und Erde", Philosophieren mit Kindern über Leben und Tod